Frank Corcoran

irish composer

SKEPTISCHES VERTRAUEN / PORTRAETKONZERT

Skeptisches Vertrauen: Porträtkonzert Frank Corcoran bei den „Horizons“ in Dublin
Szene
Frank Corcoran. Foto: Hans-Dieter Grünefeld
(nmz) –
„Der Weg vorwärts – neueste Formen und Techniken, für mich insbesondere Makrokontrapunkt – ist der Weg zurück zu tiefster menschlicher Erfahrung“, erklärt Frank Corcoran, Komponist aus Irland, sein Prinzip zeitgenössischer Musik. Wesentliche Merkmale seiner Werke sind skeptisches Vertrauen in tradierte Formen und die Reflexion religiöser Sujets, deren Bedeutung für die Gegenwart er durch eine Balance von Nähe und Distanz im musikalischen Diskurs dekliniert.
22.02.2010 – Von Hans-Dieter Grünefeld

Unter dieser Prämisse gestaltete er auch sein Porträtkonzert bei den “Horizons – Free Contemporary Music” am 19.Januar 2010 in der National Concert Hall Dublin, für das Frank Corcoran zwei Weltpremieren seines Repertoires aufs Programm gesetzt hatte. Wovon “Quasi Una Fuga” (in der Version für großes Orchester) paradigmatisch für seinen Kompositionsstil ist: nicht irgendein Spätaufguss neobarocker Reminiszenzen, sondern die sozusagen extravagante Verteilung einer Zwölftonskala auf rhythmische Zuckungen und in ihnen wandernde Klangzellen. Deren flamboyanten Timbres und kontrapunktischen Schichtungen hat Colman Pearce mit dem RTÈ National Symphony Orchestra mit verblüffenden Plots präsentiert. In mentaler Korrespondenz zu “Quasi Una Fuga” hatte Frank Corcoran die selten zu hörende “Novelette” von Witold Lutos?awski ausgewählt. Mit kantigen Motivschnitten und eruptiven Emotionen wurde die “Novelette” ein prägnantes Pendant zum eigenen Profil.

Essentiell dann für Mezzo-Sopran “Four Orchestral Prayers”, also “Gebete” (nicht konventionelle Lieder), deren komplexen Solopartien mit vier wechselnden Sprachen Chloe Hinton in nur 14 Tagen präzise vorbereiten konnte. Die Melodik (ja, Melodik!), Rezitative und Deklamationen intonierte sie ganz im Sinn und Duktus dieser philosophisch-poetischen Texte von Scotus Eriugena (irischer Philosoph, 810-877), Henry Francis (schottischer Hymniker, 1793-1847), Meister Eckhart (deutscher Mystiker, 1260-1327) und einer anonymen Villa-Inschrift des 18. Jahrhunderts aus Hamburg (“Wir bauen hier so feste / Und sind doch fremde Gäste”). Dabei war das Orchester nicht nur Klangsouffleur, sondern quasi altera vox oder komplementäre Stimme in subtilen Dialogen, die göttliche Zuneigung für die menschliche Existenz herausfordern. Als biographische Signaturen zu einem ästhetischen Zuhause in europäischem Format sind die “Four Orchestral Prayers” von Frank Corcoran ein Meisterwerk fürs 21. Jahrhundert geworden.

Irische Identität ist insular. Weshalb zur Winterszeit in Dublin “Lunchtime Concerts” (Mittagskonzerte) mit zeitgenössischer Musik durchaus Beachtung finden, preiswerte kulinarische Angebote inklusive. Auf dem europäischen Kontinent, zumindest in Deutschland, kaum vorstellbar. Doch in Dublin hat sich diese Konzertreihe unter dem Titel “Horizons” etabliert, wie Sémaus Crimmins, Direktor beim RTÈ (öffentlich-rechtlicher Rundfunk der Republik Irland / Eire) bestätigt: “Wir starteten diese Initiative zur Förderung zeitgenössischer Musik aus Irland in Zusammenarbeit mit der National Concert Hall vor einigen Jahren als ‘Teatime Concerts’, die wir etwa um 18:30 Uhr abends gesendet haben. Dann wurden sie neu terminiert, und nun finden sie im Januar und Februar immer dienstags von 13 bis 14 Uhr statt. Der Eintritt ist frei! Natürlich hat das Publikum sehr spezielle Hörinteressen, aber wir laden auch Schulklassen ein. Diese Termine passen gut zu ihren Schulzeiten, sodass wir meistens eine Frequenz von 200 bis 400 Besuchern haben.” Der RTÈ übernimmt mit “Horizons” institutionelle Verantwortung für zeitgenössische Musik, sieht seine Aufgabe als Patronage und gibt jedes Jahr mehrere Werke für RTÈ-Ensembles in Auftrag. Die Präsentationen werden dann im Radio übertragen.

Für die Porträtkonzerte werden von einem Komitee aus RTÈ-Repräsentanten pro Wintersaison vier Komponisten bestimmt, die eigene und je biographisch für sie wichtige Werke in einem Tableau vorstellen können. Etwa eine halbe Stunde vor Beginn hat jeder Komponist die Gelegenheit, im John Fields Saal der National Concert Hall seine Konzeption für Interessierte zu erläutern. “Die Probenzeit ist sehr kurz, nur am Montag und Dienstag sind ein paar Stunden zur Verfügung, um diese oft sehr komplexe Musik zu lernen”, sagt Séamus Crimmins. Dennoch haben die Aufführungen mit dem RTÈ National Symphony Orchestra eine exzellente Qualität und eine Atmosphäre mit neugierigem Appetit: Unter der Parole “Discover what’s out there” (entdecke was draußen ist), nämlich jenseits der bekannten Horizonte, sollte man als Tourist zur Winterzeit in Dublin an einen Besuch in der National Concert Hall denken. Dienstags, zur Mittagszeit, wartet dort das Unerwartete – Irland.
Weiterführende Informationen:
Homepage Frank Corcoran

Posted under: Humble Hamburg Musings

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